Forschung auf der ISS: Welche Experimente laufen gerade an Bord?
Petra Sundermann · Mittwoch, 24. Juni 2026 · 6 min
Die ISS ist das größte Forschungslabor der Menschheit – und es rast mit 28.000 km/h um die Erde. Derzeit laufen dort Hunderte von Experimenten zu Medizin, Biologie, Physik und Klimaforschung. Dieser Artikel zeigt, welche ISS Forschungsprojekte gerade aktiv sind und warum ihre Ergebnisse auch unser Leben auf der Erde verändern.
Stell dir vor, du arbeitest in einem Labor, das mit 28.000 Kilometern pro Stunde um die Erde rast – und das in schwebender Schwerelosigkeit. Genau das ist der Arbeitsalltag der Astronautinnen und Astronauten an Bord der Internationalen Raumstation. Die ISS ist nicht nur ein Symbol menschlicher Kooperation im All, sie ist vor allem eines: das größte und leistungsfähigste Forschungslabor, das die Menschheit je gebaut hat. Derzeit laufen dort gleichzeitig Hunderte von Experimenten aus den Bereichen Medizin, Biologie, Physik, Materialwissenschaften und Erdbeobachtung. Dieser Artikel gibt dir einen Überblick darüber, was gerade wirklich an Bord passiert – und warum diese Erkenntnisse auch für unser Leben hier auf der Erde von entscheidender Bedeutung sind.
Warum die ISS als Forschungsplattform einzigartig ist
Das Besondere an der ISS Forschung liegt nicht allein in der Hochtechnologie, sondern im Umfeld selbst. Im Orbit herrschen Bedingungen, die auf der Erde schlicht nicht herzustellen sind: Mikrogravitation, nahezu vollständiges Vakuum außerhalb der Station, intensive kosmische Strahlung und ein permanenter Wechsel zwischen extremer Hitze und Kälte alle 45 Minuten. Genau diese Extrembedingungen eröffnen Forschungsfelder, die unten auf unserem Planeten schlicht verschlossen wären.
Seit dem Jahr 2000 ist die ISS dauerhaft bemannt, und seitdem hat sich die Zahl der gleichzeitig laufenden Experimente kontinuierlich erhöht. Heute koordiniert die NASA allein auf der amerikanischen Seite der Station regelmäßig mehr als 200 aktive Forschungsprojekte. Hinzu kommen Experimente der ESA, der JAXA (Japan), der Roscosmos (Russland) und weiterer internationaler Partner. Die Wissenschaft auf der ISS ist ein globales Gemeinschaftsprojekt – und das macht sie noch faszinierender.
Wer mehr darüber wissen möchte, wie der Alltag abseits der Laborarbeit aussieht – also Schlafen, Essen und Sport in der Schwerelosigkeit – dem sei unser Beitrag Leben auf der ISS: Schlafen, Essen und Training in der Schwerelosigkeit empfohlen. Denn Forschung und Alltag greifen an Bord untrennbar ineinander.
Medizin und Biologie: Der menschliche Körper unter der Lupe
Ein zentrales Forschungsfeld der Wissenschaft im Weltraum ist die Humanbiologie. Was passiert mit dem Körper, wenn die Schwerkraft wegfällt? Die Antwort ist komplexer als man denkt. Muskeln bauen sich ab, Knochen verlieren an Dichte, das Blut verteilt sich anders im Körper, und sogar das Gehirn verändert seine Struktur. Diese Effekte zu verstehen ist nicht nur für zukünftige Langzeitmissionen zum Mars entscheidend, sondern liefert auch wertvolle Erkenntnisse für Erkrankungen wie Osteoporose oder Muskelabbau bei bettlägerigen Patienten auf der Erde.
Aktuell läuft auf der ISS das Experiment „Cardiobreath", das den Zusammenhang zwischen Herzrhythmus und Atemfrequenz in Schwerelosigkeit untersucht. Parallel dazu werden im Rahmen des „Vascular Aging"-Projekts die Blutgefäße der Besatzungsmitglieder über mehrere Monate überwacht. Die Ergebnisse zeigen, dass Astronauten im Orbit innerhalb weniger Monate altersbedingte Gefäßveränderungen durchmachen, die auf der Erde Jahrzehnte dauern würden – ein erschreckendes, aber wissenschaftlich hochrelevantes Ergebnis.
Auch die Schlafforschung gehört dazu. Durch den schnellen Wechsel zwischen Tag und Nacht – alle 90 Minuten auf der ISS – ist der Schlaf-Wach-Rhythmus der Crew stark gestört. Mehrere laufende Studien untersuchen, wie sich das auf kognitive Leistungsfähigkeit und allgemeine Gesundheit auswirkt, und testen neue Beleuchtungssysteme, die den menschlichen Biorhythmus aktiv stabilisieren sollen.
Materialwissenschaft und Physik: Kristalle, Flammen und Fluide
Ohne Schwerkraft wachsen Kristalle anders – gleichmäßiger, größer, und mit weniger Fehlern in der Gitterstruktur. Das klingt nach einem Nebensatz, hat aber enorme praktische Bedeutung: Bessere Kristalle bedeuten bessere Halbleiter, bessere Solarzellen und präzisere medizinische Messgeräte. Im Labor „Solidification Using a Baffle in Sealed Ampoules" (SUBSA) werden auf der ISS regelmäßig Halbleiterkristalle unter kontrollierten Bedingungen gezüchtet – mit Ergebnissen, die terrestrische Labore nicht replizieren können.
Besonders faszinierend ist die Verbrennungsforschung an Bord. Eine Flamme verhält sich in Schwerelosigkeit völlig anders als auf der Erde – sie ist kugelförmig, brennt blauer und bei niedrigeren Temperaturen. Das Experiment „Cool Flames" hat tatsächlich eine neue Art von Verbrennung entdeckt: sogenannte „kühle Flammen", die unsichtbar und ohne Wärme brennen. Diese Erkenntnis könnte die Entwicklung effizienterer und saubererer Motoren revolutionieren.
In der Flüssigkeitsdynamik untersuchen Physiker, wie Fluide ohne Schwerkraft fließen, sich mischen und Blasen bilden. Die ISS Forschung in diesem Bereich trägt direkt dazu bei, bessere Kraftstoffsysteme für Raumschiffe zu entwickeln – ein praktischer Nutzen, der sich unmittelbar auf zukünftige Weltraummissionen auswirkt.
Biologie im All: Pflanzen, Mikroben und Minigehirne
Kann man im Weltall Nahrung anbauen? Diese Frage ist für zukünftige Langzeitmissionen überlebenswichtig. Das Experiment „VEGGIE" (Vegetable Production System) hat bereits mehrere Ernten von Salat, Kohl und Radieschen an Bord der ISS ermöglicht. Die Astronauten haben die geernteten Pflanzen sogar gegessen – ein historischer Moment. Aktuell läuft das Nachfolgeprojekt „Advanced Plant Habitat" (APH), das die Wachstumsbedingungen mit Hunderten von Sensoren präzise steuert und unter anderem untersucht, ob Pflanzen in Schwerelosigkeit überhaupt dieselben Nährstoffe enthalten wie auf der Erde.
Mikrobiologisch ist die ISS ebenfalls ein spannendes Forschungsfeld. Im geschlossenen System der Raumstation können Bakterien und Pilze mutieren und Eigenschaften entwickeln, die auf der Erde nicht vorkommen. Einige Studien zeigen, dass bestimmte Bakterienstämme in der Schwerelosigkeit resistenter gegen Antibiotika werden – eine alarmierende Erkenntnis, die die Forschung zu Antibiotikaresistenzen auf der Erde direkt beeinflusst.
Absolut zukunftsweisend ist das Experiment mit sogenannten Organoiden. Dabei handelt es sich um winzige, dreidimensionale Zellstrukturen, die menschliche Organe imitieren – etwa Miniaturlungen oder Miniaturgehirne. In Schwerelosigkeit wachsen diese Organoide gleichmäßiger und erreichen eine Komplexität, die in irdischen Laboren kaum möglich ist. Diese Ergebnisse könnten die Medikamentenforschung und die Entwicklung personalisierter Therapien massiv beschleunigen.
Erdbeobachtung und Klimaforschung von oben
Nicht alle Experimente finden innerhalb der Station statt. Ein großer Teil der Wissenschaft auf der ISS richtet den Blick nach unten. Die einzigartige Umlaufbahn der Raumstation – geneigt unter 51,6 Grad – erlaubt es, etwa 90 Prozent der bewohnten Erdoberfläche zu überblicken. Das macht die ISS zu einer wertvollen Plattform für die Erdbeobachtung und Klimaforschung.
Das Instrument ECOSTRESS (Ecosystem Spaceborne Thermal Radiometer Experiment on Space Station) misst die Wärmeabstrahlung von Pflanzen und Böden weltweit und liefert Daten über Wasserversorgung, Hitzestress bei Nutzpflanzen und die Auswirkungen von Hitzewellen auf städtische Gebiete. GEDI (Global Ecosystem Dynamics Investigation) wiederum kartiert mithilfe eines Lidarsystems die dreidimensionale Struktur von Wäldern – präziser als jedes bisherige Messverfahren. Diese Daten helfen direkt bei der Bekämpfung der Entwaldung und der Bewertung von CO₂-Speicherpotenzial.
Das ISS-Programm liefert auch wertvolle Messungen zur kosmischen Strahlung in der oberen Atmosphäre sowie zur Häufigkeit von Meteoriteneinschlägen und Weltraummüll in verschiedenen Orbitalhöhen. All das fließt in internationale Klimamodelle und Sicherheitsstrategien für zukünftige Raumfahrtmissionen ein.
Aktuelle Experimente auf einen Blick
Die folgende Liste gibt einen kompakten Überblick über einige der derzeit besonders diskutierten Experimente an Bord der ISS – gegliedert nach Forschungsbereich:
- Medizin & Humanbiologie: „Cardiobreath" (Herz-Atem-Interaktion), „Vascular Aging" (Gefäßalterung), „Sleep-Wake Actigraphy" (Schlafforschung)
- Materialwissenschaft & Physik: „SUBSA" (Kristallwachstum), „Cool Flames" (Verbrennungsforschung), „Capillary Flow Experiments" (Flüssigkeitsdynamik)
- Biologie & Lebenswissenschaften: „Advanced Plant Habitat" (Pflanzenanbau), „Bacterial Adhesion and Corrosion" (Mikrobielle Materialforschung), Organoid-Studien
- Erdbeobachtung & Klima: ECOSTRESS (Wärmeabstrahlung), GEDI (Waldkartierung), SAGE III (Atmosphärenmessungen)
- Technologie & Robotik: „CIMON-2" (KI-basierter Astronautenassistent), „Astrobee" (autonome Roboterplattform), 3D-Drucktests im Orbit
„Die ISS ist kein Raumschiff – sie ist ein fliegendes Labor. Und jedes Mal, wenn wir ein Ergebnis nach Hause schicken, bringen wir die Menschheit ein kleines Stück weiter."
— Astronautin Samantha Cristoforetti, ESA
Was die ISS-Forschung für die Zukunft bedeutet
Die Experimente ISS sind keine isolierten wissenschaftlichen Spielereien. Sie sind gezielt auf konkrete Anwendungen ausgerichtet – sowohl für zukünftige Weltraummissionen als auch für das Leben auf der Erde. Medikamente gegen Muskelabbau, effizientere Solarzellen, bessere Verbrennungsmotoren, neue Antibiotika: Viele der Entwicklungen der kommenden Jahrzehnte werden ihre Wurzeln in den Labors der ISS haben.
Gleichzeitig stellt sich die Frage: Wie lange noch? Die ISS wurde für eine Lebensdauer bis etwa 2030 konzipiert, und die beteiligten Raumfahrtagenturen diskutieren intensiv über Nachfolgelösungen. Kommerzielle Raumstationen von Unternehmen wie Axiom Space oder Blue Origin könnten mittelfristig die Staffel übernehmen. Was nach der ISS kommt und welche Forschungskapazitäten erhalten bleiben, beleuchten wir ausführlich im Beitrag Was kommt nach der ISS? Kommerzielle Raumstationen und Gateway.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass die Internationale Raumstation in ihrer bisherigen Laufzeit mehr als 3.000 wissenschaftliche Veröffentlichungen hervorgebracht hat. Das ist nicht nur eine beeindruckende Zahl – es ist ein Beleg dafür, dass der Griff ins All einer der produktivsten wissenschaftlichen Entscheidungen der Menschheitsgeschichte war. Und solange dort oben das Licht in den Laborfenstern brennt, sollten wir genau hinschauen.
Häufige Fragen
Wie viele Experimente laufen gleichzeitig auf der ISS?
Die NASA koordiniert allein auf der amerikanischen Seite der ISS regelmäßig mehr als 200 aktive Forschungsprojekte gleichzeitig. Zählt man die Experimente der ESA, JAXA und Roscosmos dazu, kommt man auf mehrere Hundert parallel laufende Studien. Die genaue Zahl variiert je nach Missionsphase und Besatzungskapazität.
Welche medizinischen Erkenntnisse hat die ISS-Forschung bisher geliefert?
Die ISS-Forschung hat unter anderem gezeigt, dass Astronauten im Orbit altersbedingte Gefäßveränderungen in Monaten statt Jahrzehnten durchlaufen. Erkenntnisse zu Knochenabbau, Muskelschwund und Schlafstörungen fließen direkt in die Behandlung von Osteoporose und bettlägerigen Patienten auf der Erde ein. Auch die Forschung zu Antibiotikaresistenzen profitiert von Beobachtungen an Bord.
Können Astronauten auf der ISS wirklich Gemüse anbauen?
Ja – und sie haben es bereits gegessen. Das VEGGIE-Experiment und sein Nachfolgeprojekt Advanced Plant Habitat haben mehrere Ernten von Salat, Radieschen und Kohl erfolgreich durchgeführt. Die Astronauten durften die Ernte auch konsumieren, was einen historischen Meilenstein in der Weltraumernährung darstellt.
Was sind 'kühle Flammen' und warum sind sie wichtig?
Kühle Flammen sind eine in der Schwerelosigkeit entdeckte Verbrennungsform, die unsichtbar und bei sehr niedrigen Temperaturen ohne nennenswerte Wärmeentwicklung brennt. Diese Entdeckung aus dem ISS-Experiment „Cool Flames“ könnte zur Entwicklung saubererer und effizienterer Motoren beitragen – sowohl für Fahrzeuge als auch für Raumfahrtantriebe.
Wie hilft die ISS bei der Klimaforschung?
Instrumente wie ECOSTRESS und GEDI an Bord der ISS liefern präzise Daten über die Wärmeabstrahlung von Ökosystemen und die dreidimensionale Struktur von Wäldern weltweit. Diese Informationen fließen in internationale Klimamodelle ein und helfen, Entwaldung zu überwachen sowie CO₂-Speicherkapazitäten zu bewerten. Die einzigartige Umlaufbahn der ISS ermöglicht dabei die Beobachtung von 90 Prozent der bewohnten Erdoberfläche.
Was sind Organoide und welche Rolle spielen sie in der ISS-Forschung?
Organoide sind winzige, dreidimensionale Zellstrukturen, die menschliche Organe wie Lunge oder Gehirn imitieren. In der Schwerelosigkeit der ISS wachsen sie gleichmäßiger und komplexer als in irdischen Laboren, was die Medikamentenforschung und Entwicklung personalisierter Therapien erheblich voranbringen kann. Diese Experimente gelten als eines der zukunftsweisendsten Forschungsfelder an Bord.
Wie lange wird die ISS noch für Forschungszwecke genutzt?
Die ISS ist derzeit für einen Betrieb bis etwa 2030 geplant. Danach sollen kommerzielle Raumstationen und internationale Projekte wie das Lunar Gateway die Forschungskapazitäten übernehmen. Die beteiligten Raumfahrtagenturen arbeiten bereits intensiv an Übergangslösungen, um die wissenschaftliche Kontinuität im Orbit sicherzustellen.