Zukunft

Was kommt nach der ISS? Kommerzielle Raumstationen und Gateway

Petra Sundermann · Dienstag, 15. September 2026 · 7 min

Was kommt nach der ISS? Kommerzielle Raumstationen und Gateway

Die ISS soll um 2030 kontrolliert verglühen – doch ihr Ende markiert nicht das Ende bemannter Raumfahrt, sondern den Beginn einer neuen Ära. Kommerzielle Raumstationen von Unternehmen wie Axiom Space oder Blue Origin und der internationale Lunar Gateway rund um den Mond zeigen, wohin die Reise geht. Die Zukunft der ISS ist vielschichtig, ambitioniert und aufregender denn je.

Die Internationale Raumstation ISS schwebt seit über zwei Jahrzehnten als leuchtendes Symbol menschlicher Zusammenarbeit über unseren Köpfen. Doch irgendwann geht auch das schönste Kapitel zu Ende. Planmäßig soll die ISS um 2030 kontrolliert zum Absturz gebracht werden – eine gigantische Metallkonstruktion, die dann im Pazifik versinken wird. Was bleibt, ist die Frage: Wie geht es danach weiter? Und die Antwort darauf ist, ehrlich gesagt, ziemlich aufregend.

Das Ende einer Ära – warum die ISS aufgegeben wird

Die ISS wurde ab 1998 zusammengesetzt und ist heute technisch betrachtet ein alterndes System. Risse in russischen Modulen, zunehmender Wartungsaufwand und steigende Betriebskosten von jährlich rund drei bis vier Milliarden US-Dollar allein für die NASA machen den Weiterbetrieb über 2030 hinaus wirtschaftlich kaum vertretbar. Die NASA hat 2022 offiziell angekündigt, die Station zu deorbitieren – also kontrolliert in die Erdatmosphäre eintreten zu lassen. Dabei wird das meiste Material verglühen, der Rest soll im Ozean landen.

Das klingt nach einem traurigen Abschied. Und ja, für alle, die die ISS als Symbol für internationale Kooperation in den Weltraum und für Frieden auf der Erde sehen, ist es das auch. Aber gleichzeitig öffnet dieses Ende eine Tür für etwas Neues – und diese Tür wird von mehreren Seiten gleichzeitig aufgestoßen. Die Zukunft der ISS, genauer gesagt: die Zeit nach ihr, gehört sowohl privaten Unternehmen als auch einer neuen internationalen Mission rund um den Mond.

Wer sich für die Geschichte der ISS und die Menschen dahinter interessiert, findet in unserem Artikel zu deutschen Astronauten auf der ISS wie Thomas Reiter und Matthias Maurer einen spannenden Rückblick auf das, was diese Station über Jahrzehnte möglich gemacht hat.

Kommerzielle Raumstationen: Wenn die Wirtschaft ins All zieht

Die NASA hat entschieden, dass sie die nächste Generation von Raumstationen nicht selbst bauen will – zumindest nicht allein. Stattdessen vergibt sie Aufträge an private Unternehmen, die sogenannte „Commercial Low Earth Orbit Destinations" (CLDs) entwickeln sollen. Das Prinzip ist dasselbe wie bei den Frachttransporten zur ISS: Die NASA kauft Leistungen ein, anstatt selbst Entwicklungskosten zu stemmen. Das spart Geld und schafft einen neuen Markt.

Mehrere Unternehmen sind dabei ins Rennen gegangen. Die bekanntesten Projekte im Überblick:

  • Axiom Space (Axiom Station): Das Texaner Unternehmen plant, zunächst eigene Module an die ISS anzudocken und sie dann nach dem Ende der ISS zu einem eigenständigen Raumbahnhof weiterzuentwickeln. Axiom hat bereits erfolgreiche private Astronautenmissionen zur ISS organisiert.
  • Blue Origin (Orbital Reef): Jeff Bezos' Raumfahrtunternehmen entwickelt gemeinsam mit Sierra Space und Boeing eine „gemischt genutzte Geschäftsimmobilie im All" – so nennen sie es tatsächlich. Orbital Reef soll für Forschung, Tourismus und Fertigung genutzt werden.
  • Northrop Grumman: Auch der Rüstungs- und Raumfahrtkonzern hat ein eigenes Konzept für eine modulare kommerzielle Raumstation eingereicht und NASA-Mittel erhalten.
  • Nanoracks (Starlab): Gemeinsam mit Voyager Space und Airbus plant Nanoracks eine Station namens Starlab, die auf einem einzigen großen aufblasbaren Modul basieren soll – ein cleveres Konzept, das Startkosten reduziert.

Diese kommerziellen Raumstationen verfolgen sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle. Während die NASA weiterhin Forschungskapazitäten buchen will, öffnen die Betreiber ihre Stationen auch für Weltraumtourismus, Mikrogravitations-Fertigung und medizinische Forschung. Pharmaunternehmen zum Beispiel zeigen großes Interesse daran, Proteine und andere Substanzen unter Schwerelosigkeit herzustellen – Ergebnisse, die auf der Erde kaum reproduzierbar sind.

Lunar Gateway: Die Raumstation auf dem Weg zum Mond

Parallel zu den Projekten im niedrigen Erdorbit entsteht etwas noch Ambitionierteres: der Lunar Gateway. Diese internationale Raumstation wird nicht die Erde umkreisen, sondern den Mond – in einer speziellen elliptischen Umlaufbahn, die als Near-Rectilinear Halo Orbit (NRHO) bezeichnet wird. Von dort aus sollen Astronauten zur Mondoberfläche aufbrechen, Mondressourcen erforscht werden und langfristig der Weg zum Mars vorbereitet werden.

Der Lunar Gateway ist ein Projekt im Rahmen des Artemis-Programms der NASA und wird international entwickelt. Partner sind unter anderem die ESA (Europäische Weltraumorganisation), die kanadische CSA, die japanische JAXA und die australische ASA. Europa etwa baut das ESPRIT-Modul, das für Kommunikation und Treibstoffversorgung zuständig ist, sowie das I-HAB-Modul als Wohnbereich für die Astronauten. Kanada steuert einen neuen Roboterarm bei – gewissermaßen der Nachfolger des legendären Canadarm der ISS.

Der erste Start von Gateway-Modulen war ursprünglich für 2025 geplant, hat sich aber mehrfach verzögert. Aktuell rechnet die NASA damit, dass das Gateway ab etwa 2028 schrittweise in Betrieb geht. Ob dieser Zeitplan hält, bleibt abzuwarten – die Raumfahrt hat eine lange Geschichte von Verschiebungen. Trotzdem ist die Richtung klar: Der Mond wird zur nächsten Etappe menschlicher Präsenz im All.

„Der Gateway ist nicht einfach eine neue ISS in Mondnähe. Er ist ein Knotenpunkt – ein Ort, von dem aus wir den Mond erkunden, der aber auch den Weg zu weiter entfernten Zielen öffnet." – Kathy Lueders, ehemalige NASA-Abteilungsleiterin für menschliche Raumfahrt

Was bedeutet das für Europa und Deutschland?

Europa ist bei beiden Strängen – kommerzielle Erdorbitalstationen und Lunar Gateway – kein passiver Zuschauer. Die ESA hat sich mit klaren Beiträgen zum Gateway positioniert und verhandelt gleichzeitig über Zugangsmöglichkeiten zu kommerziellen Stationen. Für Deutschland ist das besonders relevant: Deutschlands Beitrag zum europäischen Raumfahrtbudget ist der größte innerhalb der ESA, und deutsche Forscher profitieren seit Jahrzehnten von Experimenten auf der ISS.

Ob zukünftige deutsche Astronauten zu kommerziellen Stationen oder zum Lunar Gateway fliegen werden, hängt von Verhandlungen ab, die derzeit laufen. Die ESA arbeitet daran, ihren Mitgliedsstaaten auch nach 2030 regelmäßige Flüge zu sichern. Dass dies gelingt, ist wahrscheinlich – die europäische Raumfahrtpolitik hat in den letzten Jahren deutlich an Selbstbewusstsein gewonnen.

Für junge Menschen, die sich für diese Themen begeistern, lohnt sich übrigens ein Blick auf Bildungsangebote: In unserem Beitrag zu Raumfahrt im Unterricht: Projekte und Materialien für Schulen findet ihr inspirierende Ideen, wie das Thema kommerzielle Raumfahrt und Mondmissionen auch in den Klassenzimmern ankommen kann.

Herausforderungen: Technik, Politik und Geld

So aufregend die Perspektiven sind – der Weg dorthin ist steinig. Bei kommerziellen Raumstationen stellt sich die Frage, ob genug zahlende Kunden existieren, um den Betrieb wirtschaftlich zu machen. Ein Flug zur ISS als Privatperson kostet heute rund 50 bis 60 Millionen US-Dollar – und das ist noch der Einstiegspreis. Luxushotels im Orbit? Klingt spektakulär, aber die Zielgruppe ist nun mal sehr exklusiv.

Auch technische Risiken sind nicht zu unterschätzen. Aufblasbare Module, wie sie Starlab plant, wurden bisher kaum im großen Maßstab getestet. Der Bigelow Expandable Activity Module (BEAM) an der ISS war ein erster Schritt, aber eine vollwertige Station aus solchen Elementen zu bauen, ist eine andere Hausnummer. Beim Lunar Gateway kommt die besondere Strahlenbelastung in Mondnähe hinzu – weit außerhalb des schützenden Erdmagnetfelds.

Politisch steht vor allem die Frage im Raum, wie die bisherige Partnerschaft mit Russland auf der ISS durch neue Kooperationen ersetzt wird. Russland ist beim Lunar Gateway nicht dabei – das ist eine direkte Folge des Angriffskrieges auf die Ukraine und der damit verbundenen Sanktionen. China wiederum baut seine eigene Station im Erdorbit (Tiangong) und plant ebenfalls Mondmissionen. Die Raumfahrt der 2030er Jahre wird also geopolitisch deutlich komplexer sein als die ISS-Ära.

Pro und Contra: Kommerzielle vs. staatliche Raumstationen

Die Frage, ob die Zukunft der bemannten Raumfahrt besser in staatlichen oder privaten Händen liegt, ist keine leicht zu beantwortende. Beide Ansätze haben ihre Stärken und Schwächen – und letztlich wird die Realität eine Mischung aus beidem sein.

  • Pro kommerzielle Stationen: Geringere Kosten für Steuerzahler, mehr Flexibilität, Anreize zur Innovation, Erschließung neuer Märkte (Tourismus, Fertigung)
  • Contra kommerzielle Stationen: Abhängigkeit von Profitabilität, mögliche Abkehr von wissenschaftlichen Prioritäten, weniger öffentliche Kontrolle, Risiko der Insolvenz von Betreibern
  • Pro staatliche Projekte (Gateway): Langfristige strategische Planung, internationale Kooperation, klarer wissenschaftlicher Auftrag, politische Stabilität
  • Contra staatliche Projekte: Höhere Kosten, bürokratische Trägheit, anfällig für politische Kurswechsel (Stichwort: Artemis-Budget unter wechselnden US-Regierungen)

Die NASA setzt bewusst auf beide Pferde. Kommerzielle Stationen im Erdorbit entlasten das NASA-Budget, während der Gateway als staatlich geführtes Projekt das übergeordnete Ziel – Mensch zum Mond und irgendwann zum Mars – voranbringt. Das ist eine pragmatische Strategie, auch wenn sie nicht ohne Risiken ist.

Ein Blick in die Zukunft: Was erwartet uns bis 2035?

Wenn alles nach Plan läuft – und das ist zugegebenermaßen eine große Wenn –, dann sieht die bemannte Raumfahrt rund ums Jahr 2035 ungefähr so aus: Mindestens eine kommerzielle Raumstation im niedrigen Erdorbit ist in Betrieb, die NASA, andere Raumfahrtbehörden und private Kunden buchen dort regelmäßig Kapazitäten. Der Lunar Gateway ist fertiggestellt, erste Astronauten haben den Mond wieder betreten – erstmals seit Apollo 17 im Jahr 1972 – und planen Langzeitaufenthalte auf der Mondoberfläche.

Gleichzeitig laufen im Hintergrund die Vorbereitungen für eine bemannte Marsmission, die SpaceX mit dem Starship und die NASA mit eigenen Planungen vorantreiben. Der Mars bleibt ein entferntes Ziel, aber der Lunar Gateway wäre ein entscheidender Zwischenschritt – als Testlabor für die Lebenserhaltungssysteme und die Psychologie langer Raumflüge.

Die Raumfahrt der kommenden Jahrzehnte wird bunter, internationaler, kommerzieller – und in vielerlei Hinsicht unübersichtlicher als alles, was wir bisher kannten. Aber genau das macht sie so faszinierend. Die ISS war das gemeinsame Wohnzimmer der Menschheit im All. Was danach kommt, könnte ein ganzes Viertel werden.

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Häufige Fragen

Wann wird die ISS außer Betrieb genommen?

Die NASA plant, die ISS Ende 2030 zu deorbitieren – sie also kontrolliert zum Absturz zu bringen. Das meiste Material wird beim Wiedereintritt in die Atmosphäre verglühen, Überreste sollen im südlichen Pazifik landen. Bis dahin läuft der Betrieb mit internationalen Partnern wie der ESA, JAXA und CSA weiter.

Was ist der Lunar Gateway genau?

Der Lunar Gateway ist eine geplante internationale Raumstation, die nicht die Erde, sondern den Mond umkreisen soll. Sie ist Teil des NASA-Artemis-Programms und wird gemeinsam mit ESA, JAXA, CSA und anderen Partnern gebaut. Von dort aus sollen Astronauten zur Mondoberfläche reisen und langfristig der Weg zum Mars vorbereitet werden.

Welche kommerziellen Raumstationen sind aktuell in Planung?

Zu den bekanntesten Projekten zählen Axiom Station (Axiom Space), Orbital Reef (Blue Origin, Sierra Space, Boeing) und Starlab (Nanoracks, Voyager Space, Airbus). Northrop Grumman entwickelt ebenfalls ein eigenes Konzept. Alle haben NASA-Fördergelder im Rahmen des Commercial Low Earth Orbit Destinations-Programms erhalten.

Kann man als Privatperson auf eine kommerzielle Raumstation fliegen?

Ja, genau das ist eines der Geschäftsmodelle. Axiom Space hat bereits mehrere private Astronautenmissionen zur ISS organisiert, mit Tickets im Bereich von 50 bis 60 Millionen US-Dollar pro Person. Künftige kommerzielle Stationen sollen Weltraumtourismus noch stärker ermöglichen – die Zielgruppe bleibt allerdings vorerst sehr wohlhabend.

Ist Russland am Lunar Gateway beteiligt?

Nein. Russland ist nicht Teil des Lunar-Gateway-Projekts. Infolge des Angriffskrieges gegen die Ukraine wurden die Raumfahrtkooperationen mit Russland stark eingeschränkt. Russland und China verfolgen stattdessen eigene Mondpläne, darunter eine geplante gemeinsame Mondstation.

Wann wird der Lunar Gateway fertiggestellt sein?

Der ursprüngliche Zeitplan sah erste Starts ab 2025 vor, doch wie in der Raumfahrt üblich haben sich die Pläne verschoben. Aktuell rechnet die NASA damit, dass der Lunar Gateway ab etwa 2028 schrittweise aufgebaut wird. Ein vollständiger Betrieb dürfte erst in den frühen 2030er Jahren möglich sein.

Welche Rolle spielt Europa bei den zukünftigen Raumstationen?

Europa ist sowohl beim Lunar Gateway als auch bei kommerziellen Stationen aktiv. Die ESA baut für den Gateway das I-HAB-Wohnmodul und das ESPRIT-Modul für Kommunikation und Betankung. Gleichzeitig verhandelt die ESA über Zugangsmöglichkeiten für europäische Astronauten zu kommerziellen Erdorbitalstationen, um die bemannte Raumfahrt nach 2030 zu sichern.