Deutsche Astronauten auf der ISS: Von Thomas Reiter bis Matthias Maurer
Markus Fehrenbach · Montag, 10. August 2026 · 7 min
Deutsche Astronauten auf der ISS haben seit den frühen 2000er-Jahren beeindruckende Missionen absolviert – von Thomas Reiters Pionierarbeit über Alexander Gersts Doppeleinsatz als ISS-Kommandant bis hin zu Matthias Maurers Cosmic-Kiss-Mission im Jahr 2022. Der Artikel beleuchtet ihre wichtigsten Beiträge für Wissenschaft und bemannte Raumfahrt.
Ein Blick auf Deutschlands Präsenz im Orbit
Seit die Internationale Raumstation im Jahr 2000 dauerhaft besetzt wurde, haben deutsche Astronauten einen bemerkenswerten Beitrag zur bemannten Raumfahrt geleistet. Ob als Missionsspezialisten, Kommandanten oder Wissenschaftskoordinatoren – die Vertreter Deutschlands im Orbit stehen für Jahrzehnte technischer Exzellenz und internationaler Zusammenarbeit. Hinter jedem Flug stecken Jahre der Vorbereitung, ein enormes logistisches Netzwerk und der unerschütterliche Wille, die Grenzen des Möglichen zu verschieben.
Deutschland ist über die Europäische Weltraumorganisation ESA an den ISS-Programmen beteiligt und stellt mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ein bedeutendes Rückenmark der europäischen Weltraumforschung dar. Vom ersten Langzeitaufenthalt bis zu den jüngsten Missionen der Gegenwart spiegeln die Einsätze der deutschen Astronauten den technologischen Fortschritt wider – und zeigen, wie internationale Kooperation auch unter extremsten Bedingungen funktioniert.
Thomas Reiter: Pionier der deutschen Langzeitmissionen
Thomas Reiter ist untrennbar mit der Geschichte der deutschen Raumfahrt verbunden. Der Luftwaffenoffizier und Ingenieur absolvierte bereits 1995/96 auf der russischen Raumstation Mir einen 179-tägigen Aufenthalt, bevor er im Jahr 2006 zur Internationalen Raumstation aufbrach. Seine Mission „Astrolab" machte ihn zum ersten deutschen Astronauten und ersten ESA-Astronauten überhaupt, der an Bord der ISS als permanentes Besatzungsmitglied registriert wurde.
Reiters Aufenthalt auf der ISS dauerte von Juli bis Dezember 2006 – insgesamt rund 171 Tage. Während dieser Zeit nahm er an der Expedition 13 und Expedition 14 teil. Besonders aufsehenerregend war sein Außenbordeinsatz im August 2006, bei dem er gemeinsam mit dem amerikanischen Astronauten Jeffrey Williams Wartungsarbeiten an der Außenhülle der Station durchführte. Mit einer kumulierten Gesamtzeit im All von rund 350 Tagen hält Reiter bis heute den deutschen Rekord für die meisten verbrachten Tage im Weltraum – ein Wert, der seine außerordentliche physische und psychische Belastbarkeit unterstreicht.
Nach seinen aktiven Flugmissionen wechselte Reiter in eine leitende Funktion bei der ESA und war dort als Direktor für Raumfahrt und Missionsbetrieb tätig. Sein Lebenswerk zeigt: Deutsche Astronauten sind nicht nur Passagiere im All, sondern gestaltende Kräfte der internationalen Raumfahrtgeschichte.
„Der Weltraum verändert einen Menschen. Man schaut auf die Erde herunter und versteht plötzlich, wie zerbrechlich und schützenswert sie ist." — Thomas Reiter, sinngemäß nach mehreren Interviews
Hans Schlegel und Frank De Winne: Weitere ESA-Einsätze mit deutschem Beitrag
Zwischen Reiters Pionierleistung und den späteren Missionen leisteten weitere Astronauten mit deutschen Wurzeln oder deutschem DLR-Hintergrund wichtige Beiträge. Hans Schlegel, der in Heidelberg geborene Physiker und ESA-Astronaut, flog 2008 mit dem Space-Shuttle-Flug STS-122 zur ISS, um das europäische Forschungsmodul Columbus an der Station zu installieren. Dieser Einsatz war für Deutschland und Europa von historischer Bedeutung: Columbus ist bis heute das primäre europäische Labormodul auf der ISS und Heimstätte von Hunderten wissenschaftlicher Experimente.
Schlegels Aufenthalt war zwar auf rund zwölf Tage begrenzt, doch seine Arbeit während zweier Außenbordeinsätze – darunter die mechanische Kopplung des Columbus-Moduls – war technisch hochanspruchsvoll. Auch wenn Schlegel formal der belgischen ESA-Gruppe zugeordnet war, stand hinter seiner Ausbildung und wissenschaftlichen Vorbereitung massgeblich das DLR. Das Columbus-Modul, das er mitinstallierte, ist gewissermaßen sein dauerhaftes Vermächtnis an Bord der Station.
Alexander Gerst: Zwei Missionen, eine starke Botschaft
Kaum ein deutscher Astronaut hat die Öffentlichkeit so begeistert wie Alexander Gerst. Der Geophysiker aus Künzelsau absolvierte gleich zwei Langzeitmissionen auf der ISS: „Blue Dot" im Jahr 2014 und „Horizons" von 2018 bis 2019. Beide Male reiste er mit dem russischen Sojus-Raumschiff zur Station und verbrachte insgesamt rund 362 Tage im Orbit – damit ist er nach Thomas Reiter der erfahrenste deutsche ISS-Raumfahrer.
Bei seiner zweiten Mission „Horizons" wurde Gerst sogar Kommandant der ISS – als erster Deutscher und zweiter Europäer überhaupt in dieser Funktion. Unter seiner Führung umfasste die Besatzung der Expedition 57 sechs Astronauten aus drei Nationen. Gerst koordinierte wissenschaftliche Experimente, Außenbordaktivitäten und die tägliche Kommunikation mit den Bodenkontrollzentren in Houston und Köln. Sein Führungsstil galt als verbindlich und ruhig – Qualitäten, die im beengten und druckbelasteten Umfeld der ISS überlebenswichtig sind.
Bekannt wurde Gerst vor allem durch seine mitreißenden Fotos der Erde aus dem All und seine aktive Social-Media-Kommunikation. Viele seiner Aufnahmen – etwa von Gewitterfronten über Afrika oder dem Nildelta bei Nacht – verbreiteten sich viral und weckten weltweit Interesse an der ISS. Gerst gelang damit etwas, das viele Raumfahrtbehörden anstreben, aber nur selten erreichen: Er machte Raumfahrt für die breite Öffentlichkeit greifbar und emotional erlebbar. Mehr darüber, wie der Alltag auf der Station zwischen Schlaf, Mahlzeiten und Sport aussieht, erfahren Sie in unserem Beitrag Leben auf der ISS: Schlafen, Essen und Training in der Schwerelosigkeit.
Wissenschaftliche Highlights der Gerst-Missionen
- Blue Dot (2014): Durchführung von über 100 Experimenten in Biologie, Physik und Erdbeobachtung; zwei Außenbordeinsätze zur Wartung der Stationsstruktur
- Horizons (2018/19): Betreuung des Weltraummedizin-Experiments „Grasp" sowie Untersuchungen zur Knochendichtemessung in der Schwerelosigkeit
- Kommandoübernahme: Erste Übernahme des ISS-Kommandos durch einen deutschen Astronauten im Oktober 2018
- Außenbordeinsätze: Gerst absolvierte insgesamt vier Spacewalks mit einer Gesamtdauer von über 27 Stunden
- Öffentlichkeitskommunikation: Millionenstarke Social-Media-Reichweite, die das DLR-Outreach-Programm nachhaltig prägte
Matthias Maurer: Cosmic Kiss und der jüngste deutsche ISS-Aufenthalt
Matthias Maurer, geboren 1970 im saarländischen St. Wendel, ist der bislang jüngste deutsche Astronaut, der auf der Internationalen Raumstation lebte und arbeitete. Seine Mission „Cosmic Kiss" startete im November 2021 und endete im Mai 2022 – ein Aufenthalt von rund 177 Tagen. Maurer flog mit dem Raumschiff Crew Dragon von SpaceX zur Station, im Rahmen der NASA-Mission Crew-3. Damit war er der erste deutsche Astronaut, der mit einem kommerziellen US-Raumschiff die ISS erreichte – ein Zeichen für den Wandel, den die Raumfahrtindustrie gerade erlebt.
Maurers Missionsprogramm war eng mit europäischen Forschungsprioritäten verknüpft. Er betreute unter anderem Experimente zur Entstehung von Metalllegierungen unter Schwerelosigkeit, zur Immunreaktion des menschlichen Körpers im All sowie zur Pflanzenzucht in Mikrogravitation. Besonders das Projekt „Plant Water Management" interessierte Forscher mit Blick auf zukünftige Langzeitmissionen zum Mond oder Mars – denn eine autarke Lebensmittelversorgung ist eine der zentralen Herausforderungen für künftige Tiefraumexpeditionen.
Maurer absolvierte während seiner Mission auch einen Außenbordeinsatz, bei dem er gemeinsam mit dem NASA-Astronauten Raja Chari Wartungsarbeiten an der Stationsstruktur durchführte. Der Einsatz dauerte rund sieben Stunden und verlief trotz kleinerer technischer Schwierigkeiten erfolgreich. Nach seiner Rückkehr betonte Maurer in zahlreichen Interviews die psychologische Bedeutung von Teamarbeit und strukturierten Tagesabläufen für das Wohlbefinden der Besatzung – Erkenntnisse, die direkt in zukünftige Missionsplanungen einfließen.
Steckbrief: Matthias Maurer
- Geburtsort: St. Wendel, Saarland
- Ausbildung: Materialwissenschaften (Diplom und Promotion), RWTH Aachen
- ESA-Astronaut seit: 2015 (nach Abschluss der Grundausbildung)
- Mission: Cosmic Kiss, November 2021 – Mai 2022
- Raumschiff: SpaceX Crew Dragon „Endurance"
- Aufenthaltsdauer: 177 Tage, 2 Stunden, 13 Minuten
- Außenbordeinsätze: 1 (ca. 7 Stunden)
Was deutsche Astronauten für die Wissenschaft leisten
Die deutschen ISS-Missionen sind weit mehr als symbolische Flaggenpflanzungen. Das DLR koordiniert aus seinem Raumfahrt-Kontrollzentrum MUSC in Köln-Porz einen erheblichen Teil der europäischen Nutzlastforschung an Bord der ISS. Experimente in den Bereichen Materialforschung, Biomedizin, Erdbeobachtung und Physik unter Schwerelosigkeit liefern Erkenntnisse, die von der Pharmaindustrie über den Maschinenbau bis zur Krebsforschung reichen. Viele dieser Ergebnisse sind nur möglich, weil Astronauten wie Gerst oder Maurer direkt vor Ort eingreifen, Proben nehmen und Apparaturen kalibrieren können.
Besonders die Weltraummedizin profitiert von den deutschen Langzeitmissionen. Der menschliche Körper verändert sich im All: Muskeln und Knochen bauen ab, das Herz-Kreislauf-System passt sich an, das Immunsystem zeigt unerwartete Reaktionen. Jeder Langzeitaufenthalt liefert dabei neue Datenpunkte – und hilft dabei, Gegenmaßnahmen wie Trainingsroutinen und Ernährungspläne zu verfeinern. Das Wissen kommt letztlich auch der Medizin auf der Erde zugute, etwa bei der Behandlung von Osteoporose oder Muskelschwund.
Mit Blick auf die Zukunft stellt sich die Frage, wie die Erkenntnisse aus der ISS-Ära in die nächste Generation von Raumstationen und Tiefraumprojekte einfließen werden. Die Europäische Weltraumorganisation und ihre nationalen Partner planen bereits heute, wie das im Niederdruck-Labor ISS erarbeitete Wissen auf das Lunar Gateway und kommerzielle Nachfolgestationen übertragen werden kann. Was nach der ISS kommt, beleuchten wir ausführlich in unserem Artikel Was kommt nach der ISS? Kommerzielle Raumstationen und Gateway.
Ausblick: Weitere deutsche Astronauten im Orbit?
Mit dem ESA-Astronautenkorps der Klasse 2022 – der ersten Neuaufnahme seit über einem Jahrzehnt – wurden auch mehrere deutsche Kandidaten ausgewählt. Die neue Generation absolviert derzeit ihre Basisausbildung in Köln, Houston und Tokio. Ob und wann sie tatsächlich zur ISS oder zu einer Nachfolgestation fliegen, hängt von den Verfügbarkeiten kommerzieller Trägerraketen, dem Fortschritt des Gateway-Projekts und den politischen Rahmenbedingungen der ESA-Mitgliedsstaaten ab.
Sicher ist, dass Deutschland seinen Platz in der bemannten Raumfahrt nicht aufgeben wird. Die Erfolgsgeschichte von Thomas Reiter über Alexander Gerst bis Matthias Maurer hat gezeigt, dass deutsche Astronauten auf der ISS nicht nur wissenschaftlich, sondern auch kommunikativ und diplomatisch außerordentlich wirksam sind. Sie verbinden technische Präzision mit einer Fähigkeit, Menschen zu begeistern – eine Kombination, die gerade in Zeiten zunehmenden Wettbewerbs im Weltraum wichtiger denn je ist.
Die Geschichte der deutschen Astronauten auf der ISS ist keine abgeschlossene Erzählung, sondern ein fortlaufendes Kapitel. Neue Technologien, neue Trägerraketen und neue wissenschaftliche Fragestellungen werden dafür sorgen, dass der Blick nach oben bleibt – und dass Deutschland dabei eine aktive, gestaltende Rolle spielt.
Häufige Fragen
Welcher deutsche Astronaut war am längsten auf der ISS?
Thomas Reiter hält den deutschen Rekord für die meisten kumulierten Tage im All mit rund 350 Tagen über zwei Missionen (Mir und ISS). Bezogen ausschließlich auf die ISS hat Alexander Gerst mit zwei Missionen insgesamt rund 362 Tage an Bord der Station verbracht und übertrifft damit Reiter im reinen ISS-Vergleich.
War je ein Deutscher Kommandant der Internationalen Raumstation?
Ja. Alexander Gerst übernahm im Oktober 2018 das Kommando der ISS während Expedition 57 und war damit der erste Deutsche und zweite Europäer in dieser Funktion. Die Kommandoübernahme durch einen ESA-Astronauten ist protokollarisch und operativ mit erheblicher Verantwortung verbunden.
Mit welchem Raumschiff flog Matthias Maurer zur ISS?
Matthias Maurer startete im November 2021 mit dem SpaceX Crew Dragon „Endurance“ im Rahmen der NASA-Mission Crew-3 zur ISS. Es war der erste Flug eines deutschen Astronauten an Bord eines kommerziellen US-Raumschiffs.
Was hat Hans Schlegel zur ISS beigetragen?
Hans Schlegel flog 2008 mit dem Space Shuttle zur ISS und war maßgeblich an der Installation des europäischen Forschungsmoduls Columbus beteiligt. Dieses Modul ist bis heute das zentrale europäische Labor an Bord der Station und Heimat Hunderter wissenschaftlicher Experimente.
Welche wissenschaftlichen Schwerpunkte verfolgen deutsche Astronauten auf der ISS?
Deutsche ISS-Astronauten arbeiten schwerpunktmäßig in den Bereichen Weltraummedizin, Materialwissenschaften, Pflanzenzucht unter Schwerelosigkeit und Erdbeobachtung. Das DLR koordiniert viele dieser Experimente aus dem Raumfahrt-Kontrollzentrum MUSC in Köln-Porz. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen auch in medizinische Anwendungen auf der Erde ein.
Werden weitere deutsche Astronauten zur ISS fliegen?
Mit der ESA-Astronautenklasse 2022 wurden neue Kandidaten – darunter Deutsche – aufgenommen und befinden sich in Ausbildung. Ob und wann konkrete ISS-Flüge stattfinden, hängt von der Verfügbarkeit von Sitzplätzen auf kommerziellen Raumfahrzeugen sowie dem weiteren Betrieb der ISS ab, der derzeit bis mindestens 2030 geplant ist.