Funkkontakt zur ISS: Wie Schulen mit Astronauten sprechen
Markus Fehrenbach · Montag, 21. September 2026 · 7 min
ARISS ermöglicht Schulen weltweit echte Funkkontakte zur Internationalen Raumstation – direkte Gespräche zwischen Schülerinnen und Schülern und Astronauten im Orbit. Dieser Artikel erklärt den vollständigen Ablauf eines ARISS-Schulkontakts: von der Bewerbung über den Antennenaufbau bis zur Nachbereitung im Unterricht. Wer ein Schulprojekt Raumstation plant, findet hier alle wichtigen Informationen und praktischen Hinweise.
Ein Schulkind stellt einer Astronautin an Bord der Internationalen Raumstation eine Frage – und bekommt live, aus 400 Kilometern Höhe, eine Antwort. Was sich wie Science-Fiction anhört, ist für Hunderte von Schulen weltweit bereits Realität geworden. Das Programm ARISS – kurz für Amateur Radio on the International Space Station – macht genau das möglich: einen echten Funkkontakt zur ISS, organisiert, vorbereitet und durchgeführt von Lehrenden, Schülerinnen und Schülern sowie ehrenamtlichen Funkamateuren.
Dieser Artikel erklärt, wie solche Kontakte zustande kommen, welche technischen und organisatorischen Voraussetzungen erfüllt sein müssen und worauf Schulen bei der Bewerbung und Durchführung achten sollten. Außerdem zeigen wir, warum ein Schulprojekt Raumstation weit über den eigentlichen Funkkontakt hinauswirkt – fächerübergreifend, motivierend und nachhaltig.
Was ist ARISS und wie funktioniert das Programm?
ARISS ist eine internationale Kooperation zwischen nationalen Amateurfunkverbänden – darunter der Deutsche Amateur-Radio-Club (DARC) –, der NASA, der ESA, der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos und weiteren Partnern. Seit dem Jahr 2000, also seit der ersten dauerhaften Besatzung der ISS, werden im Rahmen dieses Programms Funkkontakte zwischen der Station und Bildungseinrichtungen auf der ganzen Welt organisiert. Bis heute haben mehr als 1.400 solcher Kontakte stattgefunden, an denen Hunderttausende von Schülerinnen und Schülern teilgenommen haben.
Die technische Grundlage ist verblüffend schlicht: An Bord der ISS befindet sich eine fest installierte Amateurfunkstation mit Antennen, Transceivern und einer zugewiesenen Frequenz im 2-Meter-Band (144–146 MHz). Die Astronauten nutzen diese Station in ihrer Freizeit für Funkkontakte – und eben auch für die strukturierten ARISS-Schulkontakte. Am Boden baut das Schulteam eine eigene Amateurfunkstation auf oder kooperiert mit einem lokalen Amateurfunkclub, der die notwendige Lizenz und Ausrüstung mitbringt.
Ein ARISS-Kontakt dauert in der Regel zwischen neun und zwölf Minuten. Das mag kurz klingen, doch in diesem Zeitfenster können Schülerinnen und Schüler typischerweise zwischen 10 und 20 vorbereitete Fragen stellen – je nachdem, wie zügig die Verbindung steht und wie ausführlich die Astronauten antworten. Jede Sekunde zählt, denn die ISS bewegt sich mit rund 28.000 Kilometern pro Stunde und verlässt das Empfangsfenster der Bodenantenne sehr schnell wieder.
Der Weg zur Bewerbung: So nimmt eine Schule teil
Der erste Schritt ist eine formelle Bewerbung über die ARISS-Website (ariss.org bzw. die nationalen Partnerorganisationen). Schulen reichen dort ein detailliertes Projektkonzept ein, das beschreibt, wie der Funkkontakt in den Unterricht eingebettet wird, welche pädagogischen Ziele verfolgt werden und wie viele Schülerinnen und Schüler beteiligt sind. Außerdem muss die Schule nachweisen, dass ein lizenzierter Funkamateur als technischer Partner zur Verfügung steht.
Die Bewerbungsphase kann sich über Monate erstrecken. ARISS prüft alle eingehenden Anträge und plant die Kontakte anhand des ISS-Flugplans und der Verfügbarkeit der Besatzung. Schulen, die zum Zug kommen, werden typischerweise sechs bis zwölf Monate vor dem geplanten Termin informiert – genug Zeit, um das Projekt im Unterricht vorzubereiten. Wer abgelehnt wird, kann sich erneut bewerben; Ausdauer zahlt sich hier aus.
Folgende Unterlagen und Voraussetzungen sind für eine erfolgreiche Bewerbung zentral:
- Projektbeschreibung: Wie wird der Kontakt fächerübergreifend vorbereitet? (Physik, Informatik, Englisch, Geografie etc.)
- Pädagogisches Konzept: Welche Lernziele werden verfolgt, und wie wird der Kontakt nachbereitet?
- Technischer Partner: Name und Rufzeichen des begleitenden lizenzierten Funkamateurs
- Standortbeschreibung: Eignung des Schulgeländes für den Antennenaufbau (freie Himmelssicht, keine Störquellen)
- Öffentlichkeitswirkung: Plant die Schule eine Pressemitteilung, einen Live-Stream oder eine öffentliche Veranstaltung?
- Sprachkompetenz: Welche Sprache wird für den Kontakt genutzt – Deutsch ist möglich, Englisch ist Standard
Technik, die der Schule gehört: Die Bodenstation aufbauen
Für den eigentlichen Funkkontakt braucht es am Boden mehr als ein einfaches Handfunkgerät. Eine praxistaugliche Bodenstation für einen ARISS-Schulkontakt besteht aus einem 2-Meter-Transceiver mit mindestens 25 Watt Sendeleistung, einer Richtantenne (meist eine Yagi-Antenne mit mehreren Elementen) sowie einem Rotor, der die Antenne automatisch dem Kurs der ISS nachführt. Hinzu kommt eine Doppler-Korrektur-Software, die die Frequenzverschiebung durch die enorme Relativgeschwindigkeit der Raumstation kompensiert.
Viele Schulen bauen diese Technik nicht selbst auf, sondern arbeiten mit einem lokalen Amateurfunkclub zusammen. Das ist nicht nur pragmatisch, sondern auch pädagogisch wertvoll: Schülerinnen und Schüler lernen dabei echte Funkamateure kennen, verstehen, wie lizenzierter Amateurfunk funktioniert, und bekommen einen lebendigen Einblick in ein technisches Hobby, das weit mehr ist als nostalgisches Morse-Klopfen. Manche Schulen nutzen den Anlass sogar, um einen schulinternen Funkclub zu gründen.
Parallel zum Antennenaufbau lohnt sich ein Blick auf die Überflugvorhersagen der ISS. Mit kostenlosen Tools wie Heavens-Above oder NASA Spot the Station lässt sich präzise berechnen, wann die Raumstation den Horizont überschreitet und wie hoch sie maximal über dem Standort steht. Kontakte werden bevorzugt bei Überflügen geplant, bei denen die ISS mindestens 20–30 Grad Elevation erreicht – nur dann ist das Empfangsfenster lang genug. Wer sich für die visuelle Beobachtung interessiert, findet dazu weitere Informationen in unserem Beitrag ISS am Himmel sehen: Überflüge erkennen und vorhersagen.
Die Vorbereitung im Unterricht: Mehr als ein Technikprojekt
Ein ARISS-Kontakt entfaltet seinen vollen pädagogischen Wert erst dann, wenn er konsequent in den Unterricht eingebettet wird. Das beginnt Monate vor dem eigentlichen Gespräch: Schülerinnen und Schüler recherchieren, wie das Leben an Bord der ISS funktioniert, wie Schwerelosigkeit den menschlichen Körper verändert, welche Experimente aktuell auf der Station durchgeführt werden und wie Funkkommunikation physikalisch funktioniert. All das mündet in die Ausarbeitung der Fragen, die sie dem Astronauten oder der Astronautin stellen möchten.
Die Frageentwicklung ist dabei kein triviales Unterfangen. ARISS empfiehlt, Fragen zu wählen, die nicht mit einer schlichten Internetsuche beantwortet werden könnten – also Fragen nach persönlichen Erlebnissen, Überraschungen, Alltagsdetails oder ethischen Überlegungen. Typische Fragen von Schülerinnen und Schülern lauten etwa: „Wie fühlt es sich an, zum ersten Mal aus dem Fenster in den Weltraum zu schauen?" oder „Was vermissen Sie auf der Erde am meisten?" oder „Wie schlafen Sie, wenn es weder Tag noch Nacht gibt?"
„Der Moment, in dem eine Schülerin aus unserer Klasse die Antwort des Astronauten hörte, war atemlos. Plötzlich war Physik kein abstraktes Schulfach mehr, sondern etwas Lebendiges." — Lehrerin einer bayerischen Mittelschule nach einem ARISS-Kontakt
Fächerübergreifendes Arbeiten ist bei diesem Schulprojekt fast unvermeidlich. Physik liefert die Grundlagen für Funk und Orbitalmechanik, Mathematik hilft beim Berechnen von Überflugzeiten und Doppler-Verschiebungen, Englisch ist für das eigentliche Gespräch gefragt, und im Fach Ethik oder Gesellschaftskunde lässt sich über Sinn und Zweck der Raumfahrt diskutieren. Wer weitere Ideen sucht, wie Raumfahrtthemen in den Schulalltag integriert werden können, findet eine umfangreiche Sammlung in unserem Artikel Raumfahrt im Unterricht: Projekte und Materialien für Schulen.
Der große Tag: Ablauf eines ARISS-Schulkontakts
Einige Wochen vor dem Termin teilt ARISS den genauen Überflugzeitpunkt mit – auf die Minute genau. Ab diesem Moment beginnt die operative Planung. Die Bodenstation wird aufgebaut und getestet, ein Backup-Plan wird erarbeitet (was tun, wenn die Verbindung nicht zustande kommt?), und die Schülerinnen und Schüler proben ihre Fragen so oft, bis sie sie flüssig und in der richtigen Reihenfolge stellen können. Jede Frage muss kurz und prägnant sein – maximal zwei Sätze –, damit die Astronauten in der knappen Gesprächszeit möglichst viele beantworten können.
Am Kontakttag selbst beginnt das technische Team etwa zwei Stunden vorher mit dem Aufbau. Die Antenne wird ausgerichtet, die Software kalibriert, Testverbindungen werden durchgeführt. Wenn die ISS dann am Horizont erscheint – oft zunächst nur als schwaches Rauschen im Lautsprecher –, liegt die Spannung im Raum fast körperlich spürbar. Der erste Ruf „NA1SS, hier ist [Rufzeichen], kommen!" ist für viele Schülerinnen und Schüler ein Moment, den sie nie vergessen.
Nach dem Kontakt ist vor dem Kontakt: ARISS empfiehlt ausdrücklich eine gründliche Nachbereitung. Schulen dokumentieren den Kontakt mit Aufnahmen und Fotos, schreiben Berichte für die Schulzeitung oder lokale Medien, und viele Klassen schicken dem Astronauten oder der Astronautin eine Karte oder ein kleines Dankeschön über die NASA. Manche Schulen nutzen den Schwung, um dauerhaft einen Amateurfunk-AG zu etablieren oder sich für weitere ARISS-Kontakte zu bewerben.
Häufige Herausforderungen und wie man sie meistert
So beeindruckend ein ARISS-Kontakt ist – die Vorbereitung birgt typische Stolperfallen, die sich mit etwas Planung vermeiden lassen. Das größte Risiko ist technischer Natur: Eine schlechte Verbindung, falsch eingestellte Frequenzen oder eine fehlerhaft ausgerichtete Antenne können den Kontakt verhindern oder stark beeinträchtigen. Deshalb sind mehrere Probeläufe mit der Bodenstation unerlässlich – idealerweise inklusive eines Testkontakts mit einem anderen Amateurfunker auf derselben Frequenz.
Ein weiteres unterschätztes Problem ist die Erwartungshaltung. Wenn Schülerinnen und Schüler monatelang auf einen Kontakt hingearbeitet haben, kann eine technisch bedingte Absage oder ein schlechtes Signal extrem enttäuschend sein. Gute Lehrkräfte bauen daher von Beginn an eine realistische Erwartungshaltung auf – und betonen, dass der pädagogische Wert des Projekts nicht nur im gelungenen Gespräch liegt, sondern in allem, was davor und danach passiert.
Die häufigsten Fehler im Überblick:
- Zu späte Bewerbung: ARISS-Slots sind begrenzt. Wer kurzfristig plant, wartet oft mehr als ein Jahr.
- Fehlender technischer Partner: Ohne lizenzierten Funkamateur ist kein Kontakt möglich – früh nach einem lokalen Club suchen.
- Zu lange Fragen: Schülerantworten sollten prägnant sein, keine Aufsätze. Probe macht den Meister.
- Keine Backup-Strategie: Was passiert, wenn die ISS-Besatzung kurzfristig verhindert ist? Ein Plan B beruhigt alle.
- Vernachlässigte Nachbereitung: Der Kontakt ist ein Höhepunkt, nicht das Ende. Erkenntnisse müssen im Unterricht verankert werden.
- Unterschätzte Dopplerverschiebung: Ohne automatische Frequenzkorrektur rauscht der Kontakt buchstäblich vorbei.
Trotz aller Herausforderungen überwiegt am Ende fast immer die Begeisterung – bei Schülerinnen und Schülern, Eltern, Lehrkräften und der lokalen Gemeinschaft. Ein Funkkontakt zur ISS ist eines der wenigen Schulprojekte, das Menschen aller Altersgruppen gleichermaßen in seinen Bann zieht. Und wer einmal live gehört hat, wie eine Astronautin aus dem Orbit antwortet, versteht Raumfahrt auf eine Art, die kein Lehrbuch vermitteln kann.
Häufige Fragen
Was bedeutet ARISS und wer steckt dahinter?
ARISS steht für Amateur Radio on the International Space Station und ist eine internationale Kooperation zwischen Amateurfunkverbänden (u.a. dem deutschen DARC), der NASA, ESA und Roskosmos. Das Programm organisiert seit dem Jahr 2000 Funkkontakte zwischen der ISS und Bildungseinrichtungen weltweit. Die Kontakte finden über die fest installierte Amateurfunkstation an Bord der Raumstation statt.
Wie lange dauert ein typischer ARISS-Schulkontakt?
Ein ARISS-Kontakt dauert in der Regel zwischen neun und zwölf Minuten. In dieser Zeit können Schülerinnen und Schüler je nach Gesprächsfluss zwischen 10 und 20 vorbereitete Fragen stellen. Das Zeitfenster ist so kurz, weil sich die ISS mit rund 28.000 km/h bewegt und das Empfangsfenster der Bodenantenne entsprechend schnell wieder verlässt.
Braucht die Schule selbst eine Amateurfunklizenz für einen ARISS-Kontakt?
Die Schule selbst benötigt keine eigene Lizenz, muss aber einen lizenzierten Funkamateur als technischen Partner nachweisen. Dieser übernimmt den Betrieb der Bodenstation und ist für die Einhaltung der Frequenzvorschriften verantwortlich. Viele Schulen finden solche Partner über lokale Amateurfunkclubs, die oft sehr kooperationsbereit sind.
Wie bewirbt sich eine Schule für einen ARISS-Funkkontakt?
Schulen bewerben sich über die internationale ARISS-Website (ariss.org) oder über die nationalen Partnerorganisationen. Die Bewerbung umfasst ein pädagogisches Konzept, eine Beschreibung des technischen Partners und Angaben zur geplanten Öffentlichkeitswirkung. Da die Slots begrenzt sind, kann der Prozess von der Bewerbung bis zum Kontakt sechs bis zwölf Monate oder länger dauern.
In welcher Sprache findet der Kontakt zur ISS statt?
Englisch ist die Standardsprache für ARISS-Kontakte, da die meisten Astronauten Englisch als gemeinsame Arbeitssprache nutzen. Auf Antrag und in Absprache mit der Besatzung sind aber auch Kontakte in anderen Sprachen, darunter Deutsch, möglich. Schulen sollten das bei der Bewerbung angeben und die Schülerinnen und Schüler entsprechend vorbereiten.
Welche technische Ausrüstung ist für einen ARISS-Schulkontakt nötig?
Benötigt wird ein 2-Meter-Transceiver mit mindestens 25 Watt Sendeleistung, eine Richtantenne (z.B. Yagi) mit Rotor zur Nachführung sowie Software zur automatischen Doppler-Korrektur. Viele Schulen leihen diese Ausrüstung vom kooperierenden Amateurfunkclub oder beschaffen sie gemeinsam. Entscheidend ist, dass die Anlage vor dem Kontakt ausgiebig getestet wird.
Was passiert, wenn der Funkkontakt technisch scheitert oder die ISS-Besatzung verhindert ist?
Technische Probleme oder kurzfristige Absagen durch die Besatzung kommen gelegentlich vor und lassen sich nicht vollständig ausschließen. ARISS versucht in solchen Fällen, einen Ersatztermin zu vermitteln, was aber nicht immer gelingt. Deshalb empfehlen erfahrene ARISS-Koordinatoren, von Anfang an eine Backup-Strategie zu entwickeln und den pädagogischen Schwerpunkt auf das Gesamtprojekt zu legen, nicht allein auf den Kontaktmoment.